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Losung

Losung für Samstag, 16. Dezember 2017
Weh denen, die Unheil planen, weil sie die Macht haben!
Micha 2,1

Jesus rief sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.
Markus 10,42-43

© Evangelische Brüder-Unität

Du aber, unser Gott, bist gütig, wahrhaftig und langmütig; voll Erbarmen durchwaltest du das All. Weisheit 15,1 (Monatsspruch September 2006)

Liebe Gemeinde! „Ich war im Himmel, aber Gott bin ich nicht begegnet!" - Dieser Satz wird dem russischen Kosmonauten Jurij Gagarin zugeschrieben, der 1961 als ers¬ter Mensch in den Welt-raum vorstieß und die Erde umrunde-te. Natürlich sind auf diesen trium-phal klingenden Satz (die Nicht-Existenz Gottes sollte damit „bewie-sen“ werden) verschiedene Entgeg-nungen denkbar: Ein kritischer Zeit-genosse hat angemerkt, dass Gagarin nur die Tür seines Raumschiffs hätte öffnen müssen, dann wäre er „inner-halb einer Zehntelsekunde seinem Schöpfer begegnet ..." Eine prakti-sche Lösung bie¬tet auch der engli-sche Sprachraum durch die Unter-scheidung von sky und heaven: Da Gagarin im sky flog, konnte er zwangsläufig Gott nicht begeg¬nen, da dieser sich im heaven befindet. Letztendlich aber bringen beide Ent-gegnungen die Frage keiner Lösung näher. „Ich bin Gott noch nicht begegnet, sei es im Himmel oder auf der Erde" ist eine Aussage, die viele Menschen auch heute machen. Oder: „Grüß ihn von mir, wenn du ihn siehst!“ Aus solchen Worten spricht die Skepsis: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Gott gibt…sonst müsste er doch…“ Angesichts von Naturkatastrophen, Kriegen in der Welt und großem Leid, das gerade in diesen Tagen und Wochen wieder Menschen trifft, ohne dass sie dafür ver¬antwortlich sind, stellt sich vielen Menschen die Frage noch stärker: Kann es Gott geben, wenn die Welt vielen Men-schen das antut, was sie ihnen antut?
In der Illusion einer von Gott verlas-senen Welt hat die Menschheit die Rolle Gottes selbst übernommen. Mit Hochmut  will der Mensch die Herr-schaft über die Welt übernehmen, Flüsse umleiten, Naturräume gestal-ten, Tiere und Pflanzen designen und schließlich Menschen klonen und – entgegen aller Vernunft - immer noch die Atomenergie beherrschen. „Du aber, unser Gott, bist gütig, wahrhaftig und langmütig; voll Erbar¬men durchwaltest du das All." Mit diesem Gegen-Satz aus der weisheitlichen Literatur lebten schon die Israeliten in alttestamentlicher Zeit. Für sie spiegelt er eine Ausei-nandersetzung in der Welt der Göt-ter, Götzen und Kulte: War ihr Gott, der Gott Sarahs und Abrahams, der das Volk Israel seit Jahrhunderten begleitete, der stärkere, der anbe¬tungswürdigere und verlässlichere? Sie haben es jedenfalls geglaubt: Für sie war er Schöpfer und Erhalter der Welt.
Natürlich ist die Frage heute, ob Gott überhaupt existiert, anders gela¬gert als zur Zeit der alten Israeliten. Auf der anderen Seite ist auch Gott einen Schritt weitergegangen: In Jesus Christus ist er selbst Mensch gewor-den. Gott hat die Leiden eines Men-schen bis in den Tod auf sich ge-nommen. Gerade diejenigen, die an Krankheit oder unter ihren Mitmen-schen litten, die aus¬gestoßen oder gering geachtet waren, hat er einge-laden und mit ihnen Tischgemein-schaft gehabt.
Das Wesen Gottes spiegelt sich in allem, was die Bibel vom Sohn Got-tes er¬zählt. Erbarmen, Güte und Ge-duld wurden spürbar und sind spür-bar in der Begegnung mit Gott, sie sind zentraler Teil seines Wesens, das er den Menschen gezeigt hat. Zweifelsohne gibt es Leid, Unglück und Schmerz in der Welt, aber sie sind eher Folge und Risiko der Frei-heit, die Gott der Schöpfung und den Menschen in ihr gibt, sie sind nicht ein Spiel, eine Strafe oder gar ein Vergnügen Gottes. Gott hält die Welt in Händen und steht auf Seiten der Schwachen und Elenden.
Als Christ und im Blick auf Jesus Christus ist es daher möglich, dem Ausspruch des Kosmonauten entge-genzutreten. Gott ist in der Geschich-te der Welt genug erfahrbar gewor-den, um mit guten Gründen  glauben zu können, dass es ihn gibt. Gott ist eben kein Studienobjekt, das der Mensch von einer vermeintlich höheren Warte aus beobachten und analysieren kann. Auf diese Art und Weise kann niemand Gottes Existenz beweisen oder widerlegen. Rationa-listen, Skeptiker oder Agnostiker werden in den Grenzen ihrer Denk-muster verhaftet bleiben. Sie bauen immer nur eine Vorstellung, eine Idee von Gott in ihre Weltsicht ein, ihn selbst können sie nicht erfassen. Die Brücke zu Gott und zur Erkennt-nis Gottes ist das  V e r t r a u e n. Die Frage ist (Bertolt Brecht: Ge-schichten von Herrn Keuner): Brau-che ich Gott? Will ich eine Bezie-hung zu Gott?
Durch meine Antwort entscheidet sich, wie es weitergeht mit Gott und mir – oder wie es (neu) beginnt… Ihr Pfarrer G. Hussong