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Losung

Losung für Sonntag, 22. Oktober 2017
Mach dich auf und handle! Und der HERR möge mit dir sein!
1.Chronik 22,16

Simon Petrus sprach:  Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
Lukas 5,5

© Evangelische Brüder-Unität

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.                                                      Jesaja 66,13

In Neustadts Fußgängerzone, in der Hauptstraße, leuchten wieder viele Lichter. Die Schaufenster sind festlich geschmückt. Der Weihnachtsmarkt ist aufgebaut. Der Duft von Gewürzen und Ölen liegt in der Luft. Paare schlendern vertraut und entspannt Hand in Hand. Väter oder Mütter stehen am Eisenbahn-Karussell. Ein paar Jugendliche sitzen in der Hetzelanlage, halten ihre Bierfla­sche in der Hand und werfen einen eher gelangweilten Blick auf das Treiben in den Straßen. Die Verkäuferinnen und Verkäufer an den Ständen und in den Geschäften  sind zuvorkommend wie immer, sie wünschen „Frohe Weihnachten“, auch wenn einer nichts kauft.
Wären da nicht, hingehockt vor der Parfümerie, die alte Frau mit ihrem Pappdeckel „Ich habe Hunger“, der Rollstuhlfahrer mit Akkordeon und zur Spende auffordernder Blechbüchse, wären da nicht der Zirkusesel und der Mitleid heischende Mann in zerschlissener Kleidung und der Obdach­lose mit seinem Hund -  wären diese alle nicht da, man könnte ungetrübt adventliche Gefühle aufkommen lassen. Aber so: Wohlstand und Armut dicht an dicht. Die Stadt hat viele Gesichter. Trostlosigkeit ist eins davon.
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, lautet der für die­sen Dezember ausgesuchte Monatsspruch. In der Bibel geht der Vers weiter: „Ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.“ Wort Gottes, aus dem Mund eines Propheten gesprochen zu Einwohnern von Jerusalem lange, sehr lange schon vor unserer Zeit: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.“
Sechstes Jahrhundert vor Christus: Ein großer Teil der Judäer war lange in Gefangenschaft im babylonischen Exil gewesen und nun endlich wieder daheim. Jetzt, nach der Rück­kehr nach Jerusalem, fehlten Freunde und Verwandte. Sie selbst hatten nur wenige Güter bei sich, mussten von vorn anfangen. Solche, die nicht ins Exil mussten und in der Stadt geblieben waren, hatten eigene Entwicklungen durchgemacht. Sie waren oft multikultureller eingestellt als die Heimkehrer. Sie hatten Kontakt aufgenommen mit Fremden anderer Herkunft und anderen Glaubens, die zwischenzeitlich in der Stadt wohn­ten. Wie sollten die Heimkehrer damit umgehen? Die großen Verheißun­gen, mit denen die Propheten damals im Exil hatten Mut machen wollen - al­les wird gut - was davon stimmte wirklich? Was ist jetzt nach der Rückkehr in eine fremd gewordene Heimat als persönlicher Lebensstil angesagt? Sich einigeln? Sich scheinheilig anpassen? Seine Eigenart kultivieren? Sich an­strengender Nachbarschaftsarbeit unterziehen? Verunsicherung macht sich breit. Es gibt auch eine Menge Streit.
Die Lage in Jerusalem ist nicht hoffnungslos, mischt sich da der Prophet Jesaja ein. Jerusalem ist bei all seinen Problemen doch keine trostlose Stadt. Der Prophet sieht ganz offenkundig mehr als andere. Er sieht, so müssen wir wohl sagen, mit den Augen Gottes. Gott hat den Menschen eine Vor­stellung gegeben, worauf es ankommt, wenn das Leben gelingen soll.
Gott erwartet, dass alle zu ihrem Recht kommen - die Alten wie die Jungen, die Frauen wie die Männer, die Fremden wie die Alteingesessenen, Paare und Einzelne. Gott steht auf Gemeinschaftsgerechtigkeit. Darauf ruht Gottes Segen. Alle, wirklich alle sollen das bekommen, was sie zu einem ge­lingenden Leben in Gemeinschaft brauchen. So hat Gott es eingerichtet. Es mangelt nicht an Gütern. Es mangelt nicht an Intelligenz. Die Frage ist, wie wir sie einsetzen. Wenn es nach Gott geht, muss und soll Jerusalem, das Urbild unserer Städte, nicht in Trostlosigkeit versinken: „Ich will dich trös­ten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Wie tröstet eine gute Mutter? So stelle ich es mir vor:
Sie weiß, dieses Kind, aus mir geboren, gehört zu mir, aber es gehört mir nicht.
Sie lässt es los, ohne es je zu verlassen. Eine gute Mutter achtet auf ihr Kind.
Eine gute Mutter achtet ihr Kind als ein eigenes Wesen.
Probleme? Schmerz? Trauer? Diese Mutter nähert sich vorsichtig an, schaut erst einmal genau hin, hört zu, will verstehen.
Eine gute Mutter kann unterscheiden zwischen dem eigenen Schmerz und dem des Kindes. Sie nutzt diese Gabe und schafft Klarheit. Was ist das Problem, was muss sie selbst tun, was das Kind? Eine gute Mutter traut ih­rem Kind etwas zu – auch noch in schwieriger Lage. Sie gibt ihr Kind nie auf.
Gott, das lesen wir in der Bibel und das können wir am eigenen Leib erfah­ren, Gott tröstet wie eine wirklich gute Mutter. Gott stattet uns aus mit dem Lebensnotwendigen. Er traut uns zu, das zum Wohl aller einzubringen. Und wenn wir dabei enttäuschen: Gott bringt sich immer wieder in Er­innerung – wie eine wirklich gute Mutter. Tröstlich zu wissen.
Was Jerusalem angeht, so braucht diese Stadt heute mehr denn je Men­schen, die Gottes Zuspruch und Anspruch hören: Ich bin für dich da - ich brauche dich. Die Stadt ist noch fernab von dem, was ihr im Jesajabuch und im letzten Buch unserer Bibel verheißen wird: Kein Leid mehr und auch kein Schmerz ... Wir lesen im Neuen Testament, dass Jesus über Jeru­salem weint: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frie­den dient!“ (Lukas 19,41) Ob wir, fernab von Jerusalem, in unseren Liedern und Gebeten in diesem Jahr einmal besonders intensiv an diese Stadt und ihre Bürger denken?
Was die Städte in unserem Land angeht, wie immer sie heißen, auch sie brauchen uns als  Men­schen, die Gottes Zuspruch hören: Es muss nicht bei dem bleiben, was sich uns vielerorts an Trostlosigkeit auftut. Auch nicht in Neustadt an der Weinstraße. Wir wissen doch, worauf es ankommt, und was wir, jede und jeder persönlich, beitragen können.
Wir feiern in diesen Tagen Advent. Advent meint: Da kommt noch etwas: Gerechtigkeit, Friede, Sanftmut, Trost..., das soll erfahrbar werden auch an den Orten, wo wir leben. Der Graben zwischen Arm und Reich, der zwischen den verschiedenen Kulturen und Lebensstilen ... – Trostlosigkeit soll, kann und darf nicht das letzte Wort behalten!
Was können wir - Du und ich - uns in diesem Advent an kleinen Schritten vornehmen? Mal beim Obdachlosentreff „Lichtblick“ in der Amalienstraße vorbeischauen und fragen, könnt’ Ihr was brauchen…? Eine Geld- oder Zeitspende für die „Neustadter Tafel“?
Es muss sich ja nicht alles in der Stadtmitte abspielen. Man kann auch in der Nachbarschaft helfen. Mit Rat und Tat. Gott, der wie eine wirklich gute Mutter tröstet, hat uns mit Sinnen der Wahrnehmung ausgestattet und mit einer Menge guter Gaben. Es müsste uns schon etwas einfallen, womit wir der Stadt, in der wir zu Hause sein wollen, wenigstens ein kleines Adventslicht aufstecken.
 
Eine aufmerksame und kreative Adventszeit
 
wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer G. Hussong

März 2009

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst;

ich bin der HERR.

3. Mose 19,18                                Monatsspruch März 2009

Irgendwann passierte es einfach. Nach einem Abendessen in einem Restau­rant unten in Neustadt. Da schoss mir auf ein­mal der Gedanke durch den Kopf: Wer hat eigentlich für dich gearbeitet, damit du so gut essen und trinken konntest? Klar, da waren zunächst die Bedienung und der Koch. Aber da ging es schon los: Wie viele Menschen arbeiten eigentlich da hinten in der Küche? Gibt es Salatputzer und Kartoffelschälerinnen? Geschirrspüler? Es wurde mir deutlich, schon in der Küche musste viel für mich gearbeitet werden. Dann gibt es in dem Restaurant bestimmt einen Einkäufer, der die frischen Waren aussucht, bestellt und

be­zahlt. Schon tauchten vor meinem Auge die Beschäftigten in der Markthalle auf, die Fahrerinnen und Fahrer, die die Waren zum Großmarkt transportieren und von dort ins Restaurant. Ich stellte mir die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Nudelfabrik, in der Gewürzproduktion, auf dem Bauernhof vor. Es wur­den immer mehr. Die Saatgutzüchter, die Hersteller der Landmaschinen. Dann dachte ich weiter: Da gibt es dann ja noch Men­schen, die mit meinem Essen nur indirekt zu tun haben: Die Steuerberate­r der Bauern, die Landwirtschaftskammer, die Verwaltungsmitarbeiter in den Fabriken und die Beschäftigten im Finanzamt - und dann noch überall in dieser Kette: Die Reinigungskräfte. Kaum einer sieht sie, denn sie arbeiten, wenn alle ande­ren ruhen. In mir entstand der Gedanke: Die ganze Welt mit allen ihren Menschen ist so gut eingerichtet, dass ich hier so schön essen und trinken kann. Gott schenkt mir mein Leben und viele Menschen ermöglichen es mir. Ich schaffe es mir nicht selbst. Mir wird mein Leben jeden Tag aufs Neue gegeben.

Und dann kam der nächste Gedanke: Wenn so viel für mich geschieht, wozu werde dann  ich  ge­braucht? Wenn ich darüber nachdenke, finde ich einige Talente, Haltungen und Handlungen bei mir, die vielleicht anderen nützen. Ich bin ein nütz­licher Teil dieser Welt. So wie mir das Leben jeden Tag neu gegeben wird, beteilige ich mich jeden Tag daran, anderen Menschen Leben zu ermöglichen. Wie wunder­bar ist die Welt gebaut, denn sie braucht jedes kleine Menschenwesen, jede kleine Kreatur, um so zu sein, wie sie ist. Ich brauche dich, und du brauchst mich.

 

Über diese Nützlichkeitserwägungen hinaus geht es noch um mehr. Das sagt uns der Bibelspruch für den Monat März: Du sollst dei­nen Nächsten lieben wie dich selbst. Es geht um Liebe, um Zuwendung. Ich sehe ja, wenn ich durch die Straßen gehe, wenn ich im Fernsehen Nachrichten sehe oder sie in der Zeitung lese, dass viele Menschen an dieser Welt gar nicht teilhaben können, weil sie krank oder behindert sind, weil sie arm und ausgeschlossen sind, weil sie immer wieder scheitern ... Sind sie deshalb überflüssig, weil sie gerade keinen Nutzen für das Ganze bringen? Manche Menschen beantworten diese Frage mit Ja. Wir Christinnen und Christen haben da ei­ne andere Perspektive, denn wir blicken auf das, was Jesus von Nazareth auf dieser Welt getan hat. Wir sehen in Jesus den, der ein Auge hatte für die Benachteiligten und für die Gescheiterten der Gesellschaft. Jesus nahm sie nicht nur wahr, sondern er wandte sich ihnen zu, selbst wenn sie versuchten, sich zu verstecken. Deshalb liebe ich die Geschichte vom Oberzöllner Zachäus (Lukas 19): Jesus machte an Zachäus deutlich: Niemand ist fern von Gott, und zwar deswegen, weil Gott ihm nah ist. Das gilt unabhängig davon, was der einzelne Mensch denkt und tut. Die Zachäusgeschichte ist eine Mut machende Geschichte für Menschen, die angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise nach einer tragfähigen Lebensperspektive suchen. Wir sind – wie Zachäus – eingeladen, Gott zu vertrauen, dass er un­ser Leben heil macht. Dann beherrscht uns nicht mehr die Sorge um uns selbst, dann heben wir den Blick von unserem Bauchnabel hoch hin zu Menschen, die uns brauchen. „Nächste“ kommt von „Nähe“. Unsere „Nächsten“ sind nicht weit entfernt. Also: Kopf hoch!  Und: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

 

Gott schenke uns dafür offene Augen und Ohren in der kommenden Zeit.

 

Ihr Pfarrer G. Hussong