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Losung

Losung für Sonntag, 22. Oktober 2017
Mach dich auf und handle! Und der HERR möge mit dir sein!
1.Chronik 22,16

Simon Petrus sprach:  Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.
Lukas 5,5

© Evangelische Brüder-Unität

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.

3. Mose 19,18                                

Irgendwann passierte es einfach. Nach einem Abendessen in einem Restau­rant unten in Neustadt. Da schoss mir auf ein­mal der Gedanke durch den Kopf: Wer hat eigentlich für dich gearbeitet, damit du so gut essen und trinken konntest? Klar, da waren zunächst die Bedienung und der Koch. Aber da ging es schon los: Wie viele Menschen arbeiten eigentlich da hinten in der Küche? Gibt es Salatputzer und Kartoffelschälerinnen? Geschirrspüler? Es wurde mir deutlich, schon in der Küche musste viel für mich gearbeitet werden. Dann gibt es in dem Restaurant bestimmt einen Einkäufer, der die frischen Waren aussucht, bestellt und
be­zahlt. Schon tauchten vor meinem Auge die Beschäftigten in der Markthalle auf, die Fahrerinnen und Fahrer, die die Waren zum Großmarkt transportieren und von dort ins Restaurant. Ich stellte mir die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Nudelfabrik, in der Gewürzproduktion, auf dem Bauernhof vor. Es wur­den immer mehr. Die Saatgutzüchter, die Hersteller der Landmaschinen. Dann dachte ich weiter: Da gibt es dann ja noch Men­schen, die mit meinem Essen nur indirekt zu tun haben: Die Steuerberate­r der Bauern, die Landwirtschaftskammer, die Verwaltungsmitarbeiter in den Fabriken und die Beschäftigten im Finanzamt - und dann noch überall in dieser Kette: Die Reinigungskräfte. Kaum einer sieht sie, denn sie arbeiten, wenn alle ande­ren ruhen. In mir entstand der Gedanke: Die ganze Welt mit allen ihren Menschen ist so gut eingerichtet, dass ich hier so schön essen und trinken kann. Gott schenkt mir mein Leben und viele Menschen ermöglichen es mir. Ich schaffe es mir nicht selbst. Mir wird mein Leben jeden Tag aufs Neue gegeben.
Und dann kam der nächste Gedanke: Wenn so viel für mich geschieht, wozu werde dann  ich  ge­braucht? Wenn ich darüber nachdenke, finde ich einige Talente, Haltungen und Handlungen bei mir, die vielleicht anderen nützen. Ich bin ein nütz­licher Teil dieser Welt. So wie mir das Leben jeden Tag neu gegeben wird, beteilige ich mich jeden Tag daran, anderen Menschen Leben zu ermöglichen. Wie wunder­bar ist die Welt gebaut, denn sie braucht jedes kleine Menschenwesen, jede kleine Kreatur, um so zu sein, wie sie ist. Ich brauche dich, und du brauchst mich.
 
Über diese Nützlichkeitserwägungen hinaus geht es noch um mehr. Das sagt uns der Bibelspruch für den Monat März: Du sollst dei­nen Nächsten lieben wie dich selbst. Es geht um Liebe, um Zuwendung. Ich sehe ja, wenn ich durch die Straßen gehe, wenn ich im Fernsehen Nachrichten sehe oder sie in der Zeitung lese, dass viele Menschen an dieser Welt gar nicht teilhaben können, weil sie krank oder behindert sind, weil sie arm und ausgeschlossen sind, weil sie immer wieder scheitern ... Sind sie deshalb überflüssig, weil sie gerade keinen Nutzen für das Ganze bringen? Manche Menschen beantworten diese Frage mit Ja. Wir Christinnen und Christen haben da ei­ne andere Perspektive, denn wir blicken auf das, was Jesus von Nazareth auf dieser Welt getan hat. Wir sehen in Jesus den, der ein Auge hatte für die Benachteiligten und für die Gescheiterten der Gesellschaft. Jesus nahm sie nicht nur wahr, sondern er wandte sich ihnen zu, selbst wenn sie versuchten, sich zu verstecken. Deshalb liebe ich die Geschichte vom Oberzöllner Zachäus (Lukas 19): Jesus machte an Zachäus deutlich: Niemand ist fern von Gott, und zwar deswegen, weil Gott ihm nah ist. Das gilt unabhängig davon, was der einzelne Mensch denkt und tut. Die Zachäusgeschichte ist eine Mut machende Geschichte für Menschen, die angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise nach einer tragfähigen Lebensperspektive suchen. Wir sind – wie Zachäus – eingeladen, Gott zu vertrauen, dass er un­ser Leben heil macht. Dann beherrscht uns nicht mehr die Sorge um uns selbst, dann heben wir den Blick von unserem Bauchnabel hoch hin zu Menschen, die uns brauchen. „Nächste“ kommt von „Nähe“. Unsere „Nächsten“ sind nicht weit entfernt. Also: Kopf hoch!  Und: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!
Gott schenke uns dafür offene Augen und Ohren in der kommenden Zeit.
 Ihr Pfarrer G. Hussong